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Aus dem „Hohen Lied der Liebe, 1. Korinther 13"
Wenn ich in Sprachen der Menschen und der Engel redete, aber keine Liebe hätte, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir`s nichts nütze.
Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.
Wo bleibt sie denn nun, die Liebe zu den Betroffenen… ?
Als Betroffener sexualisierter Gewalt, der drei Jahre von einem Küster und Organisten in einer katholischen Pfarrgemeinde im Bistum Essen sexuell missbraucht wurde, stellt sich mir immer wieder die Frage, wie man dem geschehenen Unrecht begegnen kann / muss.
Seit 2010 betreue ich Betroffene sexualisierter Gewalt, geistigen und spirituellem Missbrauch, Männer wie Frauen, Betroffene deutscher Ordensgemeinschaften, Heimkindern, auch in meiner eigenen Betroffeneninitiative ( BIN ) in Niederbayern.
Und immer wieder kommt die Frage auf, was haben denn die „Täterorganisationen „ zu tun, zu geben, zu leisten, um das geschehene Unrecht „aufzuarbeiten“, aufzulösen.
Ich kenne in Deutschland keinen Kardinal/Erzbischof/ Bischof/ Kardinal / Generalvikar der nicht vehement und öffentlich um Entschuldigung für diese Taten gebeten hat. Immer wieder vor laufenden Kameras, oder vor eingeschalteten Mikrofonen. Dazu gehe ich noch etwas später ein.
Hier wird von Betroffenen öfter nicht anerkannt, dass gerade in der katholischen Kirche, sehr viel an Aufarbeitung geschehen ist. Hier wurden Strukturen geschaffen, um neues Leid zu verhindern. Darauf sind alle Bischöfe besonders stolz und sie weisen immer wieder darauf hin, dass mit viel Geld und vielen Stab- und Planstellen die bestehenden Strukturen und Schutzkonzepte, oft auch mit Hilfe und Unterstützung der geschaffenen Aufarbeitungskommissionen, geändert und erneuert wurden.
Das aber hilft den Betroffenen von Missbrauch nicht. Hier wird, aus Nichtkenntnis der tatsächlichen Bedürfnisse der Betroffenen, der Begriff Aufarbeitung verwechselt mit der Notwendigkeit des sich persönlich Kümmerns.
Ebenso ist ein Schuldanerkenntnis von kirchlicher Seite noch längst keine tatsächliche Unterstützung für Betroffene, die häufig unter den Folgen des Missbrauchs so leiden, dass ihr Leben völlig aus der Bahn geriet.
Auf meine konkreten Fragen, was denn Betroffene mit Missbrauchserfahrung benötigen, erhalte ich meistens unklare und undefinierte, unspezifische und sehr unterschiedliche Antworten.
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geht es (ganz wichtig), um das Thema finanzielle Entschädigungen, die entschieden werden im Auftrag der katholischen Bischofskonferenz ( DBK ), sowie durch die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen ( UKA .
Die katholische Kirche hat ein Entschädigungsverfahren mit niedrigem Schwellen- und Beweiswert eingerichtet.
Aber es gibt auch unklare Bewilligungen bei Entschädigungsleistungen, zu lange Wartezeiten für die Betroffenen und keine Rückmeldung darüber, wie man zu dieser Entscheidung gekommen ist und insgesamt zu geringe Zahlungen.
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geht es um den uneinheitlichen Umgang mit der Frage nach der Verjährung von Verfahren und die Frage nach der Arbeitgeberhaftung der katholischen Kirche für Straftaten ihrer Mitarbeiter
Bei gerichtlichen Klärungen nach der Arbeitgeberhaftung und Verjährung, setzt die katholische Kirche immer wieder die Verjährung von Klagefristen an. Davon sind natürlich, wieder einmal fataler Weise, die klagenden Betroffenen betroffen, die sich erneut misshandelt fühlen und wieder einmal, ohne schützenden Regenschirm im Regen stehengelassen werden.
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geht es um den Wunsch nach seelsorgerischer Begleitung. Hier versagt die Kirche fast vollumfänglich. Einige wenige bieten diese Form der Betreuung an, aber oft sind es keine ausgebildeten Fachberater, sondern Priester, auch die in kirchlichen Räumlichkeiten beraten wollen. Viele Betroffene sind aber derart traumatisiert, dass sie kein Haus der Kirche mehr betreten können und nicht mit einem Priester allein in einem Raum sein können, ohne evtl. getriggert zu werden. Das zeigt die Unsensibilität und Unwissenheit der Organisatoren, wie Missbrauchsbetroffene empfinden.
Auch wird diese Form der Betreuung/ Beratung von Betroffenen mit Möglichkeiten der Traumatherapie verwechselt, was etwas gänzlich anderes ist. Hier ist noch viel Arbeit von den Kirchen zu leisten und um exakte, gut dargestellte Angebote (möglichst in der Zusammenarbeit mit Betroffenen) zu erstellen.
Ordensgemeinschaften verweigern sich noch mehr der Aufarbeitung und Betreuung von Ordensbetroffenen, sowie Entschädigungszahlungen. Hier sind die Argumente schäbig und menschenunwürdig und man muss sich fragen, nach welchem Gottesbild diese Ordensgemeinschaften überhaupt leben?
4.Von Betroffenen fällt immer öfter der Wunsch nach „sich kümmern". Aber wie soll dieses „sich kümmern" aussehen? Das ist leider so unterschiedlich, wie es völlig unterschiedliche Betroffene gibt. Und das macht das „sich kümmern" so schwierig. Vielen würde ein persönlicher Kontakt reichen, eine Handreichung im Sinne von Wahrnehmung und Akzeptanz. Nicht aber eine sogenannte, schriftliche Handreichung ( Rahmenordnung ) der Bischöfe für Verfahren mit Betroffenen, die eher dafür sorgt, dass den Betroffenen keine ganz persönliche Empathie zuteilwird…
Was könnte nun „sich kümmern" bedeuten? Ein regelmäßiges Gespräch, ein Anruf, die Frage nach Alltagsproblemen. Eine Lösung für den kaputten Kühlschrank finden, einen Kuraufenthalt/ Reha für den Betroffenen in die Wege zu leiten, ohne dass er sich durch gesundheitliche Mühlen durcharbeiten muss. Einen Therapieplatz finden, stationär oder ambulant, ohne Betroffene mit einer Liste der Therapeutenadressen abzuspeisen. Den Lebendüberdruss und all die negativen Gedanken der Betroffenen aushalten und ihm trotzdem die Hand reichen, mit der Botschaft „Ich bin für Dich da“.
Aber sind die autoritären Bevollmächtigten der katholischen Kirche dazu überhaupt in der Lage? Ich höre von Mitarbeitern der Kirche, aber auch von hohen Würdenträgern, dass Betroffene nur mehr Geld rausschlagen wollen, das sie gierig seien, dass sie kein Maß und kein Ziel kennen würden. Dass sie die heilige katholische Kirche arm machen wollten. Aber was ist denn das Schuldeingeständnisses eines Bischofes wert, wenn er das sieht und nicht versteht, worum es eigentlich geht?!
Ich kenne sehr viele Betroffene, die in ihrem ganzen Leben keine Liebe erfahren haben. Weder im Eltern- / oder Waisenhaus, fatalerweise nicht im Haus Gottes, noch im späteren Leben, oder in der eigenen Familie. Die allermeisten haben nie eine erfüllende geliebte und gelebte Sexualität kennengelernt. Wenn und weil sie nicht gelernt haben, über den Missbrauch zu reden. Weil die Scham so groß ist?
Viele sind alleine geblieben, ohne Familie, oder in Beziehungen gescheitert. Manche sind selbst zu Tätern geworden, durch Straftaten, oder im Verhalten gegenüber den eigenen Familien. Und als solche werden diese „Überlebenden“ wieder stark an den Rand der Gesellschaft gedrückt und erfahren weder Zugehörigkeit noch Liebe.
Wie können wir als Gesellschaft und vor allem in der katholischen Kirche, das Gefühl vermitteln, dass auch sie, die Betroffenen, gerade sie dazugehören und auch sie geliebt werden? Denn das wäre das wirklich Not- Wendende.
Hat ein Bischof schon mal in den Pfarrgemeinden dazu aufgerufen, Missbrauchsopfern empathisch zu begegnen und sich zu kümmern, auch wenn sie nicht Mitglied der Gemeinden sind? Das Mitleid der Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Generalvikare bei diesem so wichtigen Thema brauchen die Betroffenen nicht.
Rufen die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Generavikare überhaupt dazu öffentlich auf, über das Thema Missbrauch zu sprechen? Ein der wichtigsten Themen unserer Zeit? Denn Missbrauch findet immer mehr in Familien statt. Auch dort findet oft keine Liebe mehr statt. Und die Bischöfe haben kein brennendes Herz dafür?
Bietet der Staat Hilfen für Betroffene an, die nicht oder nicht mehr die Kraft haben sich mit der katholischen Kirche auseinanderzusetzen?
Viele Bischöfe bieten Einzelgespräche für Betroffene an, oftmals mit dem Angebot gemeinsame Gebete zu sprechen. Das ist zynisch und geht an den vorrangigen Interessen und Bedürfnissen der Betroffenen völlig vorbei. Oft wurden Taten von Tätern mit gemeinsamen Gebeten und Liturgien begleitet.
Hier ist eine „würdevolle“ Liturgie höher angesiedelt, als das rein menschliche Mitgefühl zum Nächsten. Was heißen denn die Worte von Jesus „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst".
Ein solcher Würdenträger zeigt den glatten Widerspruch in der öffentlichen Äußerung, „auf Seite der Betroffenen zu stehen“ und ähnlichen Angeboten. Auch merken einige Betroffene an, das sie lediglich ein Terminpunkt im vollen Kalender des Bischofs waren und nicht die Zeit hatten, sich zu sortieren und zu äußern. Immer wieder werden in solchen Gesprächen die glorreichen Verbesserungen der Aufarbeitung aufgeführt, aber nicht über die Seelenqual des Betroffenen gesprochen.
Für mich stellt sich an dieser Stelle eine entscheidende Frage.
Wie ist es denn um das Seelenheil und die Liebesfähigkeit der Kardinäle, Bischöfe, Generalvikare bestellt, siehe „Das hohe Lieder der Liebe, 1.Korinther 13" ?
In mir keimt der Verdacht, dass diese wichtigen, menschlichen Eigenschaften auf dem Weg ins Priesteramt, in die Autorität und in die Machtposition verloren gegangen sind!
Durch die, geistliche Liebesbeziehung zu Gott, Jesus, und dem Heiligen Geist wird der Mensch an sich erst an die letzte Stelle gesetzt. Von Gott aus gehört aber die Liebe / Nächstenliebe an erster Stelle, siehe 1.Brief Korinther 13
Ich habe in Predigten nie gehört, dass Liebesfähigkeit gegenüber allen Menschen, Jesu, Gott und dem Geist gleich gilt, und wenn, dann wird es nicht gelebt. Was ist denn diese geistliche Autorität wert, wenn sie an dieser fundamentalen Stelle versagt?
Tatsächlich müssten wir darüber reden, wie weit sich diese Autoritäten von Zuneigung und Liebe entfernt haben und ob eine Umkehr von diesem Versagen menschlichen Gefühls überhaupt noch möglich ist!
Ich persönlich erlebe im Thema Missbrauch einen immer größer werdenden Rückzug dieser geistlichen „ Elite „.
Sie sind vom Thema sexueller Missbrauch von Kindern genervt, haben sich längst auf andere Wege gemacht zum Beispiel der Neuevangelisierung , um neue „ Schäfchen „ zu sammeln, von denen sie bewundert und geliebt werden.
Nur damit, sind sie nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft der Nächsten- und Christenliebe und stellen ihre Interessen vor die Interessen der Menschen für die sie da sein sollten, für die sie mit ihrer Weihe öffentlich Verantwortung übernommen haben.
Das spüren viele Menschen und treten deshalb aus der katholischen Kirche aus.
Und die Betroffenen von Missbrauch bleiben wieder alleine und das stinkt bis zum Himmel.
Rolf Fahnenbruck, gläubiger Katholik
Vögelsen bei Lüneburg, den 21.Januar 2026